Banner
Banner
Banner
paf005neu.jpg
Gelebte Leitbilder können zu wirtschaftlichem Erfolg verhelfen

Pfaffenhofen / Scheyern (mh) „Papier ist geduldig“ – eine beliebte Redensart, um die Diskrepanz zwischen geschriebenen Worten bzw. Bekenntnissen und tatsächlichen Handlungsweisen elegant zu umschreiben. In diesem Bild blieb beim zweiten Gesprächsabend von ProWirtschaft Pfaffenhofen in diesem Jahr auch Joachim Reuter bei der Beurteilung von Leitbildern in Unternehmen: „Sie sind oft das Papier nicht wert, auf dem sie geschrieben sind.“ Denn – und in diesem Punkt waren sich die Anwesenden bei einer ansonsten kontrovers geführten Diskussion weitestgehend einig: Nur wenn Werte in einem Unternehmen nach innen und außen aktiv gelebt werden, macht ein Leitbild Sinn und kann es auch wirtschaftlichen Erfolg nach sich ziehen.

In der Klosterschenke Scheyern fand die Wertediskussion, die beim ersten Gesprächsabend in diesem Jahr an gleicher Stelle begonnen worden war, jetzt ihre Fortsetzung. Und auch an einer guten Gepflogenheit wurde wieder festgehalten: Eingangs stellten sich nach einer kurzen Einleitung durch Gesprächsleiter Dieter Andre, stellvertetender Vorsitzender von ProWirtschaft, die 14 Teilnehmer – darunter wieder ein paar neue Gesichter – kurz vor.

Wie findet man für das eigene Unternehmen Werte und wie entwickelt man daraus ein Leitbild? Wie kann man seine Geschäftsphilosophie nach diesem Leitbild ausrichten und wie trägt man das wirksam nach außen? Fragen, mit denen Dieter Andre die Diskussion einleitete. Der Begriff Werte komme von wichtig, ergriff Klaus Kühn als Erster das Wort. Die zentrale Frage laute folglich: „Was ist mir wichtig?“ Letztlich lebe jeder Mensch nach dieser Maxime, ob ihm das bewusst sei oder nicht und ob er wolle oder nicht.

Werte werden aus Menschenbild abgeleitet

Doch woraus werden Werte – im privaten Leben genauso wie in Unternehmen – letztlich abgeleitet? Diese Frage beantwortete Theo Abenstein: Sie entwickeln sich aus Menschenbildern, die aber in verschiedenen Kulturen ganz unterschiedlich sein könnten. Daneben gebe es die Verhaltensweisen, mit denen man die Werte umzusetzen versuche – immer aber basierend auf dem gleichen Menschenbild. Dieses habe sich jedoch im Laufe der Geschichte „brachial verändert“, warf Petra Zauner ein. Heute stünden wir an der Schwelle zu einer weiteren großen Veränderung: „Wir müssen umdenken. Die Natur macht nicht mehr mit“, mahnte sie. Theo Abenstein erwiderte: „Es steht schon in der Genesis, wie wichtig die Umwelt ist. Nur haben wir das 3000 Jahre lang missachtet.“

Nach diesem kurzen Ausflug in die Menschheitsgeschichte meinte Abenstein auf die Werte von Firmen bezogen: „Selbst Unternehmen der gleichen Branche haben oft sehr unterschiedliche Leitbilder“ – Beispiel: Großbanken wie die Deutsche Bank im Gegensatz zu regional orientierten Geldinstituten wie Sparkasse oder Volksbank. Generell stellt Abenstein immer wieder fest: „Das Problem in unserer zur Dekadenz neigenden Gesellschaft ist die Diskrepanz zwischen Sein und Wollen.“ Auch Hans-Albert Dralle betonte: „Jeder hat einen ethischen Grundgedanken, nur leben viele Menschen nicht danach.“

Eine ganz klare Philosophie hat Werner Egerer, der er – wie er betonte – in seiner Firma auch konsequent folgt. Sein Rezept: „Man muss das Leitbild leben und sich nicht über die Schwächen anderer, sondern über die eigenen Stärken definieren.“ Die Werte gelte es nach innen gegenüber den Mitarbeitern genauso offensiv zu vertreten wie nach außen gegenüber den Kunden. Nur so könne man Vertrauen schaffen, und das sei „die Plattform für jeglichen Geschäftserfolg“.

Können Leitbilder auch in großen Unternehmen funktionieren?

Gewiss eine schöne Vorstellung, doch nach Ansicht von Ralf Ebertshäuser nur bezogen „auf eine sehr überschaubare Geschäftsgröße und in 90 Prozent der Fälle nicht umsetzbar“. Nur in kleinen Firmen könne man doch als Chef seinen wenigen Mitarbeitern die Werte wirklich vorleben und vermitteln. Auch Klaus Kühn erklärte, dass dies in einem kleinen Unternehmen natürlich viel einfacher sei als in einem großen. Riesenkonzerne hätten oft zwar Leitbilder, doch würden die Werte nicht gelebt. Grundsätzlich könnten die Werte hier immer nur der nächsten Ebene von oben nach unten vermittelt werden. „Hier aber wird zu oft Politik gemacht, um die eigene Position zu stärken“, so Kühn.

Dennoch: Leitbilder könnten auch in großen Unternehmen funktionieren und die Mitarbeiter voll dahinter stehen, merkte Theo Abenstein an. Er nannte auch Beispiele wie z. B. Audi, wo sich die Belegschaft selbst als „Audianer“ bezeichnet, oder die Drogeriemarktkette DM. Wie ein Vergleich mit der Konkurrenz gezeigt habe, liege DM hier klar vorne – „und das spiegelt sich auch in der Geschäftsentwicklung wider“.

Joachim Reuter beklagte: „Werte werden oft missbraucht und nur dann verfolgt, wenn sie Nutzen bringen.“ Er sieht darin ein gesellschaftliches Grundproblem. Ein Umdenken in der Gesellschaft und in den Firmen bei der Mitarbeiterführung forderte Petra Zauner. Jeder Einzelne trage fundamentale, tief verankerte Werte in sich, die man verstärkt in die Unternehmen einfließen lassen und nützen sollte. Es sei besser, Werte für ein Leitbild von unten zu entwickeln als „von oben aufzudrücken“. Und ganz wichtig „Wir müssen die Werte heute in Verbindung mit Nachhaltigkeit bringen“, so Zauner.

Bei der Definition von Werten tauchen immer wieder die gleichen Begriffe auf

An diesem Punkt der Diskussion hakte Andreas Gleixner ein. Bislang sei man zwischen Werten des Individuums, der Gesellschaft und von Unternehmen hin und her gesprungen. Die zentrale Frage aber laute: „Was will man mit einem Unternehmensleitbild erreichen und mit welchen Werten hinterlegt man es im Umgang mit den Kunden und den Mitarbeitern.“

In diesem Zusammenhang wies Joachim Reuter auf einen interessanten Umstand hin: dass sich die Leitbilder von Unternehmen im Grunde nur ganz wenig voneinander unterscheiden. Begriffe wie Kundenzufriedenheit, Mitarbeiterzufriedenheit, Qualitätsphilosophie und „der Mensch steht im Mittelpunkt“ tauchten – in unterschiedlichen Variationen – immer wieder auf. Der große Unterschied bestehe darin, „wie das gelebt wird“.

Ein bekannter bayerischer Unternehmer hat es laut Klaus Kühn einmal auf eine griffige Formel gebracht: „Man muss nur schauen, dass es den Mitarbeitern gut geht, dann reißen sie sich den Arsch auf“ – und das wiederum ist zum Vorteil der Firma. Wertschätzung, Anerkennung, Vertrauen seien Grundwerte, „die immer funktionieren“. Daneben gebe es noch unterschiedliche Individualwerte bei jedem Mitarbeiter, mit denen man ihn persönlich motivieren könne.

Wirtschaftliche Entwicklung der Zukunft ohne Wachstum

Ralf Ebertshäuser stellte die Frage in den Raum, wie viele Unternehmen überhaupt versuchen, Werte und Leitbilder zu verankern. „Zu wenige“, meinte Klaus Kühn. Diese Aussage wollte Joachim Reuter aber nur auf konkret formulierte Unternehmensleitbilder bezogen wissen. Denn grundsätzlich gebe es in jeder Firma so etwas wie Werte, bewusst oder unbewusst. „Ein Leitbild hat fast jeder, aber nicht immer ist es niedergeschrieben und nicht jeder kommuniziert es nach außen“, meinte auch Andreas Gleixner. Wenn man ein Leitbild solide und gemeinsam mit den Mitarbeitern entwickle, könne es sich positiv auf den wirtschaftlichen Erfolg auswirken.

In diesem Punkt herrschte in der Runde weitgehend Einigkeit. Die „Profilierung nach außen“ mit klaren Wertevorstellungen sei gut für den wirtschaftlichen Erfolg und helfe außerdem, „sich selbst immer wieder zu orientieren“, erklärte Petra Zauner. Eine Frage sei aber noch offen: „Was ist heute unter wirtschaftlicher Entwicklung zu verstehen?“ In einer Zeit, in der Experten vorhersagen, dass es kein Wachstum nach bisheriger Definition mehr geben werde. Für Werner Egerer ist entscheidend, die wirtschaftliche Zukunft nachhaltig zu gestalten. Er persönlich verstehe darunter: Den Bestand der Firma sichern, damit dem Wohle der Gemeinschaft dienen, weil die Mitarbeiter dann in Lohn und Brot bleiben, und dafür sorgen, dass die Mitarbeiter Spaß und Freude an dem haben, was sie tun – für Egerer elementare Grundsätze.

So hatte sich am Ende der 90-minütigen Diskussion wie üblich die Ausgangsthese für den dritten Gesprächsabend 2012 herauskristallisiert, die Diskussionsleiter Dieter Andre wie folgt formulierte: „Die wirtschaftliche Entwicklung eines Unternehmens ist abhängig vom Wohle seiner Mitarbeiter. Wie viel Individualität kann und darf ein Mitarbeiter ins Unternehmen einbringen?“ Darüber wird am 29. März diskutiert.