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Emerging Markets sind der „Motor der Weltwirtschaft“
Donnerstag, den 21. April 2011 um 12:06 Uhr

Vor 65 Zuhörern im Rathaussaal: Professor Dr. Hartwig Webersinke sieht gute Perspektiven für den Kapitalmarkt

Pfaffenhofen (mh) Alle Krisenszenarien und „Dämpfer“ wie der hohe Ölpreis werden die wirtschaftliche Großwetterlage nicht nachhaltig eintrüben können – jedenfalls nach Ansicht von Professor Dr. Hartwig Webersinke. Der Dekan der Fakultät Wirtschaft und Recht an der Hochschule Aschaffenburg sieht für 2011 weiterhin gute Perspektiven für ein anhaltendes Wachstum der Weltwirtschaft und auch für den Kapitalmarkt. Rund 65 Zuhörer folgten im Festsaal des Pfaffenhofener Rathauses seinen Ausführungen zum Thema „Wirtschaftskrise oder doch Wirtschaftswunder Deutschland“. Organisiert hatte den Vortragsabend Gerhard Kellermann, Pfaffenhofener Repräsentant der Neue Vermögen AG, mit Unterstützung des Vereins ProWirtschaft.

Professor Dr. Hartwig Webersinke bei seinem Vortrag im Pfaffenhofener Rathaussaal.

Mit einer kurzen Vorstellung seiner Person eröffnete Gerhard Kellermann den Abend. Nach 20 Jahren bei der Sparkasse Pfaffenhofen und weiteren beruflichen Stationen ist der Sparkassenbetriebswirt und  Generalbevollmächtigte der Vermögensverwaltung nun für die 1998 gegründete Neue Vermögen AG tätig. Sie hat heute 16 Niederlassungen in Deutschland und ein betreutes Vermögen von rund einer Milliarde Euro. Professor Webersinke erwies sich anschließend als überaus profunder und praxisorientierter Wirtschaftswissenschaftler, der zunächst einen Blick auf Wirtschaftslage und Konjunkturentwicklung warf.

„Jedes Jahr eine Jahrhundertkrise“ – das habe am Markt, bei Anlegern und Sparern für ein hohes Maß an Unsicherheit gesorgt, stellte Webersinke fest. Man habe heute Krisenszenarien einerseits, aber eine „phantastische Wirtschaftssituation“ (besonders auch in Deutschland) andererseits. Die Weltwirtschaft, so der Lehrstuhlinhaber, habe sich von der „ernsten Rezession 2008“ gut erholt, stehe jetzt aber erneut vor einer großen Herausforderung: „Der Abbau der über 40 Jahre aufgebauten Verschuldung wird die zentrale und gigantische Aufgabe der nächsten Jahre beziehungsweise für die nächste Generation sein.“

Einige Länder hätten dabei bereits die Grenze überschritten, um sich selbst noch aus der Schuldenfalle befreien zu können. Professor Webersinke nannte hier vor allem Griechenland, Irland und Portugal. Noch reiche der „Rettungsschirm“ der EU für diese Länder aus, „aber was ist, wenn ein Großer kommt ...“ Die Antwort darauf ließ der Redner offen, nicht aber, wen er als ernsten Wackelkandidaten sieht: Spanien. Auch die USA würden von ihrer gewaltigen Verschuldung eingeholt, was eine Nachricht unterstrich, die just am Tag des Vortrags über die „Ticker“ lief und in der Finanzwelt für großes Aufsehen sorgte: Die Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) hat den Ausblick für die Kredigwürdigkeit der USA auf „negativ“ gesenkt und damit droht der Verlust des AAA-Ratings. Nach Ansicht des Referenten ein Warnschuss zur rechten Zeit.

Und was ist mit dem durch die Natur- und Nuklerkatastrophe schwer erschütterten Japan – laut Webersinke ausgerechnet der „Weltmeister im Schuldenstand“? Natürlich werde auch dies – neben der Sanierung der „Olivenländer“ in Europa – die Konjunktur belasten und dazu führen, dass „für 2011 die Prognose des Weltwirtschaftswachstums nach unten korrigiert“ werden muss. Aber „nur minimal“ und damit weit weniger als viele denken, betonte Professor Webersinke. Der Anteil Japans an der Weltwirtschaft sei von einst 15 auf mittlerweile acht Prozent geschrumpft, die Ereignisse dort würden sich folglich nicht nachhaltig auf die Weltwirtschaft auswirken. Außerdem fielen die Krisen „in eine Phase starken Wachstums“. Der Redner betonte: „Der Motor der Weltwirtschaft sind eindeutig die Emerging Markets“. Die „gigantische Nachfrage“ in China und Indien, wo Webersinke riesiges Potenzial und „zweistellige Wachstumsraten“ sieht, werde die Weltwirtschaft weiter ankurbeln.

Speziell die Wirtschaft in Deutschland boome und sei voller Optimismus wie lange nicht mehr. Dies sei unter anderem der moderaten Entwicklung bei den Lohnstückkosten zu verdanken. Andere Länder – vor allem in Südeuropa – hätten sich hier mit Steigerungen von 25 bis 30 Prozent auf Aufholjagd begeben und damit in gleichem Maße an Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt wie sich unsere verbessert hat. Die Tatsache, dass es beim Ölpreis derzeit „steil nach oben“ geht, dämpfe die Weltwirtschaft zwar ein wenig, aber nicht entscheidend. Für Professor Webersinke ist das Ende der Fahnenstange dabei noch nicht erreicht. Eine gute Beimischung fürs Portfolio, „wenn ein Rücksetzer kommt“ – so der Referent, der für die Energie-, Agrar- und Rohstoffpreise generell langfristig gute Perspektiven sieht. Allerdings müsse man beim Investment in Rohstoffe mit starken Kursschwankungen leben können.

Deutlich gestiegen seien weltweit aufgrund mehrerer Faktoren die Inflationserwartungen. Die EZB stecke in dem Dilemma, dass sie mit ihrer Geldpolitik allen Ländern in Europa gerecht werden solle. „Die Quadratur des Kreises“, wie Professor Webersinke betonte, da Nord- und Südeuropa eine „völlig unterschiedliche Geldpolitik“ benötigten. Nach bereits starken Anstiegen in den vergangenen Monaten rechnet der Referent mit „weiteren Leitzinserhöhungen in kleinen Schritten“. Das Zinsniveau in Deutschland sei dabei von Inflationsängsten und der europäischen Politik abhängig, die vor schweren Entscheidungen stehe: Wie groß wird der Rettungsschirm? Kommt die Transferunion? Auf die Währungsunion komme hier eine ernste Belastungsprobe zu.

Der Aktienmarkt stehe, wie der Referent weiter ausführte, noch immer unter dem Eindruck der Krise und die Flucht aus Aktien habe auch 2010 angehalten. „Menschlich verständlich, aber nicht gut für den langfristigen Anlageerfolg“, lautete sein Kommentar dazu. Die Marktkapitalisierung der Emerging Marktes entspreche noch nicht ihrer Rolle in der Weltwirtschaft und auch die deutschen Aktien seien mit KGV 11 nicht überbewertet. „Die Chinesen träumen von deutschen Markenartikeln“, betonte Professor Webersinke. Hier schlummere noch viel Potenzial. Insgesamt allerdings wies der Referent im derzeitigen Marktumfeld auf die „wachsende Bedeutung der Rohstoffe“ hin: „Wir sind in einer Umbruchphase“.

Im Anschluss an die Ausführungen gab es nicht nur kräftigen Applaus, sondern auch die „lebendige Diskussion“, die sich Webersinke eingangs gewünscht hatte. Dabei brach er eine Lanze für den von einigen Auguren bereits totgesagten Euro: „Er muss gehalten werden“, damit sich die europäische Volkswirtschaft auf dem Weltmarkt behaupten könne. Der Referent ist auch „kein Freund“ eines Euro Nord und Süd. Große Bedenken hat der Wirtschaftswissenschaftler beim Dollar, wie er auf Nachfrage erklärte. Noch sei der Dollar die „Leitwährung der Welt, aber er ist in ernster Gefahr“. Bei den Lebensversicherungen würden die Überschussbeteiligungen sicher leiden, weil viele Banken und Versicherungen stark in Südeuropa engagiert seien. Andere Währungen könnten als freilich nur kleine Beimischung im Portefeuille sinnvoll sein, vor allem von Rohstoffländern. An erster Stelle nannte er hier norwegische Kronen. Öl und Gas stufte er als „klaren Kauf“ ein, von Gold und Silber dagegen würde er derzeit aber „nicht mehr einsteigen“.

Experten im Gespräch: Professor Dr. Webersinke (rechts) und Gerhard Kellermann (links).